Praxis freiRaum von Katja Dikushina mit Leuchtturm und Licht

Identifizierung (oder Identität?)

 

Inhaltsverzeichnis

 

Identifizierung ist keine eigene Identität, sondern eine Gleichsetzung von sich mit etwas Fremdem

Die Identifizierung, also die Gleichsetzung von sich mit jemand oder etwas anderem, ist eine häufige Grundlage des psychischen Überlebens unter widrigen Bedingungen. Anstelle einer eigenen Position, die man erarbeitet, ergründet und vertritt, ergibt sie eine Verschmelzung mit der echten oder vermeintlichen Position einer anderen wichtigen Person oder eines Kollektivs.

Viele Menschen tragen Anteile in sich, die mit fremden Anteilen verschmolzen bzw. identifiziert sind. Das äußert sich manchmal nur in Stresssituationen: Man ist sprachlos, kennt die eigene Position nicht, weiß nicht, was zu tun ist. Oder man schließt sich der stärksten Position im Raum an. Oder man rebelliert automatisch gegen sie. Manchmal äußert es sich in auf den ersten Blick banalen Alltagssituationen. Man isst etwas Leckeres, es schmeckt richtig gut. Ein Mensch, der einem wichtig ist, probiert es auch und sagt, dass es überhaupt nicht schmeckt. Und prompt schmeckt es einem selbst auch nicht mehr. Komisch, nicht? Denn am Geschmack der Speise hat sich objektiv nichts geändert. Am eigenen Geschmack auch nicht.

Die Ursprünge der Identifizierung sind früh

Identifizierte Anteile entstehen bereits sehr früh, häufig vorgeburtlich oder vorsprachlich. Sie sind häufig die Grundlage des psychischen und physischen Überlebens. In der Aufstellungsarbeit habe ich die Erfahrung gemacht, dass Klienten für diese verschmolzenen Anteile zwei sehr ähnliche Farben wählen, z. B. dunkelgrau und hellgrau. Der eine Anteil gehört dann zum Klienten, der andere zu einer anderen Person. Meist liegen sie dann auch sehr eng beieinander oder sogar übereinander. Das bedeutet, dass es zwischen dem Klienten-Anteil und dieser anderen Person keine Grenze gibt. Es gibt kein Du und kein Ich, also keine klare Unterscheidung. Daraus resultieren Autonomie- und Abgrenzungsprobleme, die vom Kopf her („Ich will mich besser abgrenzen.“) nicht oder nur punktuell gegen einen starken inneren Widerstand, also mit Hilfe von Willenskraft, gelöst werden können. Das ist dann nicht die Lösung, die das eigene System wieder ins Gleichgewicht und in eine natürliche gesunde Abgrenzung bringt. Die echte Lösung besteht darin, die Anteile voneinander zu trennen, eine gesunde Distanz zu schaffen und eine natürliche Grenze entstehen zu lassen. Das klingt einfach, in der Praxis nimmt aber die Arbeit mit dem Widerstand viel Zeit in Anspruch. Gegen den Widerstand lassen sich diese Schritte nicht bewerkstelligen. Also dauert es etwas, den Widerstand anzuhören und aufzulösen bzw. zu verwandeln. Den Aufwand ist es wert: die eigene Identität, die Verbundenheit mit sich und mit der Welt werden gestärkt. Auch die Kommunikation mit der Umwelt wird leichter, denn eine natürliche Grenze ist keine haarscharfe Linie und auch keine Mauer, sondern eine flexible Pufferzone, die Austausch auf Augenhöhe ermöglicht. Auch wird es leichter, Konflikte konstruktiv auszutragen und Lösungen, die nicht mehr in der Anpassung oder in der Rebellion bestehen, zu finden. Die Maske hat ausgedient.

Identifizierung als individuelles Muster

Woher kommen diese verschmolzenen Anteile? Die individuellen Klassiker entstammen der eigenen Biografie und den sehr frühen Erfahrungen mit den wichtigsten Bezugspersonen. Ermöglichte die Anpassung an die Mutter ein frühes Überleben, so ist da z. B. eine Mutter-Kind-Einheit entstanden, die sich nicht weiterentwickelt hat. Das heißt, sie ist entwicklungstechnisch auf dem Stand von "damals" und daher auch weit weg vom erwachsenen Ich, seinen Möglichkeiten und Ressourcen. In manchen Situationen wird sie aktiviert und die Überlebensstrategie der Anpassung setzt ein. In einigen besonders überwältigenden Situationen wird dieser Anpassungsschutz durchbrochen und die Traumagefühle – Wut, Schuld, Scham, Angst, Trauer, Ekel – kommen unkontrolliert hoch. Für sehr frühe Anpassungsleistungen ist der Ekel ein sehr typisches (Körper-)Gefühl, denn bei der Anpassung handelt es sich gleichzeitig um eine massive Grenzüberschreitung. Unsere typische biologische Reaktion auf etwas, was wir (in uns oder in unserer Nähe) nicht haben wollen, ist Ekel. Und so verspüren viele Klienten im Moment des Näherkommens an die verschmolzenen Anteile Übelkeit oder Ekel (Hier ist ein ausführlicher Artikel auf Englisch zu diesem Thema.)

Identifizierung als kollektives Muster

Es gibt auch verschmolzene Anteile, die kollektiv binden, z. B. an die Familie oder an die Herkunftskultur. Es können z. B. Schuldgefühle sein oder auch eine Krankheit, mit der man sich am alten System festhält. Dadurch bleibt man loyal und verbunden, das aber zu einem hohen Preis, denn die eigene Identität bleibt auf der Strecke. Im Zweifelsfall weiß man dann nicht, wer man ist und wo man steht. Bei jedem Schritt zur Seite drohen Schuldgefühle. Oder man bestraft sich mit Kranksein, drosselt die eigene Lebensenergie, scheut die Auseinandersetzung, die eigentlich anstünde. Das kann ein ganzes Selbst-Sabotageprogramm im Namen der Loyalität sein oder etwas, das nur in ganz bestimmten Situationen auftritt. Auch hier kann man mit der Aufstellungsarbeit an die verschmolzenen oder in manchen Fällen zusammenhaltenden Anteile herankommen. Auf dem Boden stellt es sich so dar, dass es ein kollektives Feld gibt, z. B. eine Familie, in dem alle eng beieinander stehen. Es ist kuschelig-eng, so dass eine Illusion von Liebe und Wärme entsteht. Aber es gibt keinerlei Grenzen und auch keine echte freilassende und bedingungslose Liebe. Vom Klienten gibt es dann mindestens einen Anteil, manchmal sogar das eigene Ich, die auch in diesem kollektiven Feld stehen. Oder es gibt ein Bindeglied, z. B. Schuldgefühle oder eine Krankheit. Dieses ganze Konstrukt diente dem Überleben. Es gibt aber die Möglichkeit, sich umzuentscheiden, fürs Leben statt fürs Überleben. Ich lasse dann die Klienten eine Grenze legen und sich etwas Distanz zum kollektiven Feld verschaffen, sofern sie dazu bereit sind. Das bringt Erleichterung, Klarheit und zeitliche Einordnung – denn vieles, was in diesem Feld ist, gehört eigentlich der Vergangenheit an. Es will also angesehen, bezeugt und endlich der Vergangenheit zugeordnet werden; zurück bleibt vielleicht ein Mahnmal. Die Distanz kann auch typische „Bindungsgefühle“ auslösen – ein schlechtes Gewissen, Schuldgefühle, das Gefühl, die Familie zu verraten oder auch Rat- und Hilfslosigkeit. Das Verändern des Abstandes kann sie vermindern oder vergrößern. In vielen Fällen ist es sinnvoll, sich einen neuen Abstand zum Kollektiven zu suchen, der zu einem passt, der selbstgewählt ist. Verstärkend kann noch das Körpererleben der Grenze (ähnlich wie Ero Langlotz das in seiner Methode macht) eingesetzt werden. Das Kollektive kommt auf den Klienten zu; er stoppt es an seiner Grenze. Umgekehrt geht der Klient zurück in die Identifizierung, wird aber vom Kollektiven an der Grenze gestoppt. Das ist eine neue Erfahrung, die sich in den Körper einprägt. Sie wirkt erleichternd, kann aber auch Gefühle von Trauer auslösen.

Identität statt Identifizierung!

Was ist denn nun die Alternative zur Identifizierung? Das ist die eigene Identität! Der Anteil, der verschmolzen war, meistens ist es ein junger kindlicher Anteil, manchmal einer, der zur eigenen Grundausstattung / Essenz gehört, braucht ein neues Zuhause. Das ist dann ab jetzt der erwachsene Klient selbst. Was ist aber, wenn das ganze Ich identifiziert war und jetzt ein neues Zuhause braucht? Dann ist es sinnvoll, im Raum ein neues inneres Zuhause aufzubauen, den eigenen Grundkern, ich nenne es das Selbst. Es kann auch ein Aspekt davon sein. Manche wollen es dann als Selbstliebe oder Selbstwertgefühl erleben, andere als tiefe innere Zufriedenheit oder als das eigene Fundament. War das eigene Ich verschmolzen und gebunden, wurde es möglicherweise stark von fremden Einwirkungen geprägt, die zum eigenen inneren Zuhause nicht passen. Ich sage dann dazu, dass das alte Ich mit dem eigentlichen Selbst / mit der eigenen Identität nicht kompatibel ist. Es braucht ein neues Ich. Die Vorstellung, dass man sein altes Ich aufgibt, ist sehr beängstigend. Manche Klienten empfinden starke Ängste dabei, andere nehmen es v. a. körperlich wahr. Wie soll man denn etwas loslassen können, was einem so gut gedient hat? Etwas, was das eigene Überleben ermöglicht hat? Eine schwere Entscheidung. Wird die Entscheidung doch getroffen, setzt eine Loslassphase ein, die von tiefer Trauer und gleichzeitiger Dankbarkeit und Wertschätzung geprägt ist. Der Prozess kann auch nur auf der körperlichen Ebene ablaufen, z. B. als Hitzewallung oder als Zitterattacke. Oder auch auf der körperlichen und auf der symbolischen Ebene gleichzeitig. Die alte Psyche stirbt (der Körper natürlich nicht), man legt sich hin und lässt los. Es entstehen individuelle symbolische Bilder, z. B. vom einem Sprung von einem hohen Brett oder vom Sich-hinlegen in die Erde. Die ganze Substanz geht kurzzeitig weg. Es ist wie das Löschen des Betriebssystems. Danach darf die neue (eigentlich ist eher die alte, die ursprüngliche) Substanz zurückkehren. Der Anteil des Fremdartigen / Identifizierten hat sich reduziert. Und so ist die Rückkehr nach Hause möglich, zu sich selbst. 

Feinjustierung der eigenen Identität

Am Ende der Sitzung ist es zusätzlich möglich, die Wirkung der neuen "Selbst-Eichung" in Kontakt mit anderen auf seine neue Wirkung hin zu überprüfen. Das Gegenüber kann z. B. ein eigener Klient oder Kunde des Klienten oder sein Kind oder Partner sein, am besten jedenfalls ein Beziehungspartner, der das Meiste in einem auslöst und mit dem die Kommunikation die meisten Schwierigkeiten bereitet. In diesem Beziehungskontakt können dann eine finale Feinjustierung im Hinblick auf die Grenze und den richtigen Abstand stattfinden und die eigenen Annahmen über diesen Beziehungspartner überprüft werden. Im geschützten Raum ist es auch möglich, zensur- und höflichkeitsfrei dem Gegenüber alles zu sagen und seine Reaktion zu überprüfen. Dabei stellen sich so einige Aha-Effekte ein. Fakt bleibt, dass alle Beziehungspartner positiv auf die eigene Selbstverbundenheit, Klarheit und Positionierung reagieren, denn das alles schafft Sicherheit im Beziehungskontext. Die finale Feinjustierung nimmt das Leben selbst vor. Ich empfehle, in der Beobachterposition zu bleiben und die Früchte, welche auch immer man ernten wird, zu genießen.

 

P. S.: Ein Lied, das die tiefgehende Bindung / Identifizierung und ihre Nicht-Aufgelöstheit thematisiert, hier zwischen Mutter und Sohn – Metallica „Mama said“
"Never I ask of you but never I gave

But you gave me your emptiness that I'll take to my grave"

 

Fragen zum Nachforschen und Ergründen

  • Kenne ich ähnliche Situationen wie im Beispiel mit dem Essen, das nicht mehr schmeckt, wenn sich eine Bezugsperson negativ darüber äußert? Das Gleiche gilt für Musik oder auch andere Wünsche: Man will etwas haben und auf einmal will man es nicht mehr, nachdem sich jemand Wichtiges negativ darüber geäußert hat.
  • Gibt es Situationen, in denen ich mich kritiklos der Meinung der Mehrheit anschließe oder im Gegenteil automatisch dagegen rebelliere?
  • Haben / hatten Menschen aus meiner Familie (meine Vorfahren) schwere Schicksale? Bin ich ihnen gegenüber loyal und darf kein "leichtes" Leben haben? Muss ich auf irgendeiner Ebene auch leiden, z. B. indem ich wenig Geld habe, krank bin, keine Partnerschaft führen darf oder mir das, was ich haben will / brauche, nicht gönne?
  • Für alle, die selbst Menschen begleiten: Wenn ich an meine Klienten / Kunden / Schüler usw. denke, wer fällt mir als Erstes ein? Mit wem habe ich die wenigsten, mit wem die meisten Schwierigkeiten? Wem gegenüber traue ich mich nicht, mich klar zu äußern? Wenn ich es dennoch tun würde, was würde ich diesem Menschen sagen?
  • Habe ich ein gutes Gefühl dafür, wer ich bin? Wenn man mir alles (all meine Beziehungen, meine Arbeit, mein Haus, meine Gruppen und Vereine, meine Hobbys usw.) nehmen würde, wüsste ich noch, wer ich bin?

 

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Bildnachweis:
Bilder von Stefan Keller / Pixabay