Praxis freiRaum von Katja Dikushina mit Leuchtturm und Licht

Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass! Von bewussten und unbewussten Aufträgen

 

Inhaltsverzeichnis

 

Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass!

Wenn man sich bewusst in ein therapeutisches Setting begibt, heißt es nicht, dass man dafür zu 100% bereit ist. Das ist man sowieso nie, aber trotzdem ist die Bereitschaft manchmal weniger ausgeprägt, als es einem bewusst ist. Ich kann die Bereitschaft gut erspüren und, solange sie nicht ein Mindestmaß erreicht, kann ich nicht im Sinne der Aufarbeitung und der Wahrheitsfindung tätig werden. Theoretisch könnte ich es versuchen, aber 1) das würde nicht funktionieren; der Prozess würde stocken und 2) das wäre übergriffig: Um mein Ego zu bedienen, würde ich also versuchen, die geäußerten Erwartungen eines Klienten zu erfüllen, während ich meinen Wahrnehmungen der Nicht-Bereitschaft nicht nachgehe und eine Konfrontation vermeide. Die Botschaft, die ich wahrnehme, kann also vereinfacht so lauten: "Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass!" – ein Ding der Unmöglichkeit! Das Problem dabei, dass ich jemandem, der bewusst davon überzeugt ist, bereit zu sein, schlecht nachweisen kann, dass er es weniger ist, als er denkt. So steht mein Wort gegen seins. Eine schwierige Situation.  Es gibt 2 Klärungsmöglichkeiten, die auch kombiniert werden können. Man kann kognitiv darüber reden und ich kann über diese Zusammenhänge, wie hier im Artikel beschrieben, aufklären. Oder man lässt sich die Bereitschaft von innen, also aus dem psychischen System heraus, spiegeln. Dazu aber später mehr. Zuerst beschäftigen wir uns mit den verschiedenen Arten von Aufträgen.

Bewusste und unbewusste Aufträge

Wenn wir etwas wollen, dann wollen wir es – das nehmen wir jedenfalls an. Das ist aber längst nicht immer der Fall, sondern in manchen Fällen ein Glaube. Also, ich glaube und bin davon überzeugt, dass ich etwas will, aber in Wahrheit will ich es nicht oder nur zum Teil oder nur unter bestimmten Bedingungen. Eine Frau kann also z. B. eine Klärung für ein Thema wollen, aber bitte ohne die Loyalität zu ihren Eltern oder deren Liebe in Frage stellen zu müssen. So wird keine Klärung möglich, denn sie erteilt ihrem Therapeuten dann den bewussten Auftrag ihr zu helfen und den unbewussten, die Ursachen und die wirklich wunden Punkte nicht anzurühren. Oder eine andere Frau glaubt, eine Klärung zu wollen, liest sich alles Mögliche an Büchern dazu durch, geht dann zu einer Sitzung und kann alles vom Kopf her perfekt und absolut passend einordnen. Dass sie sich da eine sehr trickreiche Strategie angeeignet hat, die Klärung zu verhindern, ist ihr nicht bewusst. Von außen ist es schwer zu durchschauen, denn die Psyche hat zahlreiche Tricks auf Lager. Sie kann eigentlich alles, auch die auf den ersten Blick sinnvollsten Sachen, benutzen, um eine Klärung zu verhindern. In einer Sitzung merke ich es aber schnell, womit ich es zu tun habe. Die Antwort liegt im Körpergefühl: Fließt die Energie (Wollen!) oder fließt sie nicht (Nicht-Wollen!)? Aber schauen wir uns doch im Detail an, wie sich die Wollen- und Nicht-Wollen-Anteile zusammensetzen und sich in bewusste und unbewusste Aufträge übersetzen lassen.

  • Der Auftrag vom Anteil, der (unbewusst) mit dem Selbst verbunden ist: Ein Teil in uns will eine Klärung und will die Verbindung zum inneren Wesenskern. Dem Kern / dem Selbst ist es übrigens egal, ob der Mensch damit verbunden ist, oder nicht. Er wird so oder so zum Ausdruck kommen, z. B. durch Symptome. Aber für den Menschen und seine Lebensqualität ist diese Verbindung von entscheidender Bedeutung. Dieser Anteil will also die Ganzwerdung und die Verschmelzung zwischen dem Ich des Menschen und seinem Selbst. Dieser Auftrag ist größtenteils unbewusst, so kommen aber die Menschen in meine Praxis. Sie reagieren auf die typischen freiRaum-Bilder (Leuchtturm, Licht, Himmel, Wellen, Schmetterlinge, bestimmte Farben, etwas Magie usw.) und ihre verborgene Symbolik und fühlen sich angezogen. Eine Kopferklärung braucht es nicht. Die Anziehungskraft reicht vollkommen. Ihr Teil, der mit Ihrem Selbst (unbewusst) verbunden ist, fühlt sich von einem Raum angezogen, in dem sich das Selbst entfalten und zeigen darf. Er will die Flutwellen kommen lassen. Er will sowohl die Berge besteigen als auch in die Tiefen und Urgründe absteigen. Im Praxiskontext ist es möglich, diesen Auftrag ins Bewusstsein zu holen. Manchmal frage ich konfrontativ, sofern das dem Prozess dienlich ist: "Wissen Sie, warum Sie wirklich hier sind?" Die meisten Konfrontierten wissen darauf keine bewusste Antwort zu geben. Ich biete an, zu erzählen, warum andere in den freiRaum kommen oder aber dieses "Warum bin ich hier" als Repräsentanz im Raum zu platzieren – als Farbe, als Gegenstand, als Stein – und sie sprechen zu lassen.
  • Der Auftrag von Traumata / vom Abgespaltenen / von den unterdrückten / abgespaltenen Kräften: Bei diesen Aufträgen verhält es sich ähnlich wie beim Auftrag des Selbst. Die Trauma-Anteile, das Abgespaltene, die unterdrückten Kräfte drängen auf ihre Integration und erzeugen Symptome. Der Mensch nimmt es meist als Leidensdruck wahr und will die Symptome (die sein Eigenes indirekt zum Ausdruck bringen) loswerden. Hier ist Aufklärungsarbeit gefragt und auch die Bereitschaft, diesen Auftrag bewusster zu machen. Die Auftraggeber liegen ja im unbewussten oder abgespaltenen Bereich der Psyche. Und ohne die bewusste Zustimmung des Auftragsgebers werde ich keine Versuche unternehmen, sie zurückzuholen. In 99% der Fälle würde einfach nichts passieren – die Schutzmechanismen der Psyche würden zuschnappen. In sehr seltenen Fällen droht eine Retraumatisierung.
  • Der Auftrag vom Ich: An dieser Stelle kommen wir in den bewussten Bereich. Der Mensch kommt in die Praxis, vereinbart einen Termin. Natürlich sind damit Aufregung und Nervosität verbunden. Vielleicht auch Körpersymptome. Das ist völlig normal. Aber der Schritt spricht für sich. Ist der Mensch erst einmal in der Praxis angekommen, werden die Karten möglicherweise neu gemischt: Die Energie und die Symbolik des Raums, meine Präsenz und einfach das Sein im Heil-Raum verstärken entweder den Klärungsauftrag oder aktivieren und verstärken den Verhinderungs-Auftrag. Letzterer ist wirklich trickreich und hat bewusste sowie unbewusste Anteile. So kann mir ein Klient einen bewussten Auftrag erteilen, ihn bei der Klärung zu unterstützen, unbewusst aber die Botschaft senden, dass er es auf keinen Fall will. Das muss ich klären und nicht versuchen, den bewussten Auftrag zu erfüllen. Natürlich ist der Klient dann enttäuscht, zumal er seine (unbewussten) Schutzschirme nicht erkennt. Aber er wäre noch enttäuschter, wenn ich versuchen würde, seinen bewussten Auftrag direkt zu erfüllen, was nicht klappen würde. Verhinderungsaufträge können aber halbbewusst sein: Man kommt zu spät oder man vergisst sein Handy auszuschalten. Man lenkt sich mit dem Sprechen über Nebensächlichkeiten ab oder kommt nicht zum Punkt. So kann man auch die Zeit verbringen, im Nachhinein sagen, man war doch in der Therapie, und ein Häkchen setzen. Das bringt aber nichts. Mein Job ist es, dem unbewussten oder halbbewussten Verhinderungsauftrag Raum zu geben, sich zu zeigen. Die Einwände sind meist wichtig, will dieser Teil der Psyche doch nur beschützen. Dabei macht dieser Teil einen gravierenden Rechenfehler: Er schützt Klienten vor Wahrheiten, die ihn potentiell umbringen könnten. Das stimmt aber nicht. Sie hätten ihn vielleicht zum Zeitpunkt ihres Erlebens umgebracht, aber heute nicht mehr. Der Klient ist nun mal kein Baby mehr, sondern ein erwachsener Mann oder eine erwachsene Frau. Da geht einiges. Das wissen die Auftragsverhinderer aber nicht oder gaukeln einem etwas anderes vor.

Das Wollen stärken

Indem ich das Thema "Wollen und Nicht-Wollen" zum Thema mache, kann sich das Gleichgewicht zwischen dem Wollen und dem Nicht-Wollen verschieben. Wenn z. B. ein unbewusster Auftrag aus dem Selbst oder aus einer unterdrückten Kraft ins Bewusstsein kommt, wird das Wollen gestärkt. Wenn Aufklärung und Psychoedukation stattfinden, beruhigt sich der Intellekt und gibt ggf. den Auftrag frei. Letzten Endes obliegt aber die endgültige Entscheidung nur dem Menschen selbst. Der freie Wille kommt zur Geltung und auf ihn habe ich keinen Einfluss mehr. Manipulation ist für mich Tabu.

Eine andere Möglichkeit bietet das Angebot, das Wollen und das Nicht-Wollen direkt sprechen lassen. Neulich bot ich einem Klienten an, den wahren, tiefen Grund für sein Erscheinen bei mir anzuhören. Intuitiv suchte er zwei Farben dafür aus. Die eine Farbe platziere er unter dem Wurzel-Bild (Ungefähr da, wo ich auf dem Foto sitze). Die andere kam unter das freiRaum-Bild bzw. vor den "Prozess-Berg" (s. Foto). Der Anteil unter dem Wurzel-Bild sprach über die typischen freiRaum-Ziele und war mit diesen Empfindungen auch in Kontakt: Ruhe, Selbstwert, Bei-sich-Sein, kein Gedankenkarussell, ein entspannter Zustand, in dem alles in Ordnung ist, wie es ist. Der Anteil unter dem Prozessberg verwies aber auf den Weg zu diesem geklärten Zustand: Es war ein kleiner Junge, der schwer traumatisiert und voller Schmerz war und der sich unerwünscht und abgelehnt fühlte, nicht nur grundsätzlich, sondern auch in diesem Raum. Der Auftrag lautete also: "Bring mich in Kontakt mit mir selbst, mit meinem Kern (Also, wasch mir den Pelz!), aber bring mich nicht in Kontakt mit meinen Wunden und meinem Schmerz (Also, mach mich nicht nass!)!" So ein Auftrag ist natürlich unmöglich auszuführen. Da er aber ans Licht kam, wurde ein neuer Umgang damit möglich. Im Laufe der restlichen Sitzung wurde ein erster zaghafter Kontakt in Form eines Gesprächs mit dem inneren verletzten Jungen möglich. Ohne die bewusste Klärung des Auftrags wäre das niemals möglich gewesen. Ich hätte dann den Klienten dahin "pushen" müssen. Und er hätte bewusst und unbewusst alles in seiner Macht Stehende getan, um das zu verhindern. Das hätte niemals funktioniert.

Hochsensible Menschen und unbewusste Aufträge

Hochsensible Menschen können unbewusste Aufträge meist sehr gut wahrnehmen, häufig ebenfalls unbewusst oder halbbewusst. Sie reagieren darauf häufig mit dem Bedürfnis zu helfen und fangen sogar an, ihre Bemühungen diesbezüglich zu intensivieren. Sie sehen (unbewusst) im Erledigen des unbewussten Auftrages eine Lösung für ihr eigenes Thema. Die Rechnung wird nicht aufgehen: Man kann seine Themen nicht lösen, indem man unbewussten Aufträgen von anderen folgt. Man muss an die eigenen Themen heran.

Fühler, gehorcht mir!

Wie kommen hochsensible Menschen überhaupt an diese unbewussten Botschaften und Aufträge? Alle Menschen sind mit sog. Fühlern ausgestattet, mit denen sie ihre Umwelt abtasten. Die Fühler gehören zu unserer Grundausstattung wie Hören, Sehen und Schmecken. Über die Fühler, die ihren Ursprung im unteren Bauchraum haben (2. Chakra), bekommen wir Informationen über die Umwelt. Insbesondere geht es um den Aspekt der Sicherheit: Sind wir gerade in einer sicheren Umgebung oder ist in der Nähe etwas oder jemand, der potentiell eine Gefahr darstellt? So wie einige Menschen besonders gut hören können oder Adleraugen haben, gibt es auch Menschen, deren Fühler besonders lang und besonders empfindsam sind. Haben diese Menschen Erfahrungen der Ablehnung gemacht, werden sie ihre Fühler (unbewusst) dafür einsetzen, andere Menschen auszulesen, um etwas mehr Sicherheit und auch Liebe zu bekommen. Der unbewusste Gedanke dabei: "Strecke ich meine Fühler (ursprünglich zu Mama) aus, kann ich meinen Beziehungspartner auslesen und so entsprechend auf ihn reagieren, dass er das bekommt, was er braucht. Ich kann dann buchstäblich seine Gedanken lesen (In Wahrheit liest man nicht die Gedanken, sondern die Wahrnehmungsinformationen aus und ordnet sie nach eigener Erfahrung Gedanken zu.). Dadurch steigen meine Chancen das zu bekommen, was ich brauche." Dass das Ausstrecken der Fühler in fremde Energiebereiche übergriffig ist, merkt der Hochsensible meist nicht. Was er merkt, ist, dass er von diesen Wahrnehmungen überfordert und überflutet wird und auch Symptome bekommt. An dieser Stelle ist es sinnvoll, die Ur-Erfahrung(-en) zu bereinigen, in der der Hochsensible seine Fühler zum ersten Mal übergriffig eingesetzt hat, um nicht ganz leer auszugehen oder sogar um nicht zu sterben. Sind die Erfahrungen von einander gekoppelt und hat er das (Liebe!) bekommen, wonach er sich so gesehnt hat, lernt der Hochsensible mit der Zeit, seine Fühler erst dann einzusetzen, wenn er einen expliziten Auftrag dazu hat, z. B. als Heiler in seiner Praxis.

Wie ich es im freiRaum erlebe

Das betrifft also auch mich. Für mich sind die Regeln des Fühler-Ausstreckens ziemlich eng gesteckt. Ich brauche eine explizite Zustimmung des Klienten, sie nutzen zu dürfen, und zwar nicht für die ganze Sitzung, sondern auch für die einzelnen Zwischenschritte. Und so frage ich relativ häufig in einer Sitzung, ob ich etwas machen darf. Die Klienten, die meist selbst über sehr feine Fühler verfügen, sagen meist, dass ich nicht zu fragen brauche. Ich entgegne, dass ich sie immer wieder fragen werde, weil ihre explizite Zustimmung zum Prozess dazugehört und den Rahmen definiert. Würde ich nicht fragen, würde ich übergriffig werden. Und das kommt für mich nicht in Frage. Es gibt aber Momente, in denen sich der Flow einstellt. Dann ist die Frage der Zustimmung geklärt und dann bin ich einfach im Tun und Begleiten. Solange der Flow anhält, ist die Zustimmung auf allen Ebenen da. Wird er unterbrochen, muss ich wieder fragen. Und so ist jede Sitzung anders: Ein Flow von Anfang bis Ende oder viele kleine Unterbrechungen und Zustimmungsnachfragen und natürlich etwas dazwischen – alles ist dabei und alles gehört zum freiRaum-Repertoire dazu.

 

Fragen zum Nachforschen und Ergründen 

  • Spontane Antwort: Bin ich bereit meinen Schutzschirm beiseite zu legen und das Wetter abzubekommen, das dann in der Sitzung kommt? Oder spanne ich ihn vorsorglich auf? Oder habe ich ihn jederzeit griffbereit, die Hand am Auslöseknopf? Oder nutze ich sogar sein spitzes Ende, um mich zu verteidigen, ganz nach dem Motto: Angriff ist die beste Verteidigung? Kann ich meine ehrliche Antwort akzeptieren, ohne über mich zu urteilen?
  • Was will mein Kopf? Jetzt alles sofort auf der Stelle klären? Oder sagt er: Langsam, langsam... Oder führt er zahlreiche Gründe und Erklärungen an, wieso, weshalb und warum?
  • Wie reagiere ich auf unbewusste Aufträge? Nehme ich dann die Helfer- und Retterrolle ein? Oder werde ich umgekehrt ablehnend und wütend?

 

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Bildnachweis:
Bilder von Larry Humanborn
Bilder von enriquelopezgarre / Pixabay
Bilder von Anrita1705 / Pixabay

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