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Zurück zur Quelle. Oder: Das Ich und das Selbst Teil 2 

 

Für eine ausführliche Erklärung der Begriffe "Ich" und "Selbst" lesen Sie bitte den Artikel "Das Ich und das Selbst".

 

Inhaltsverzeichnis

 

Zurück zur Quelle: ein tiefer innerer Wunsch

Jeder Mensch hat den bewussten oder noch häufiger den unbewussten Drang, sich mit sich selbst zu verbinden und so zu sein, wie er wirklich ist. Ein frommer Wunsch in unserer Gesellschaft, in der jeder bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt in seinem Leben zu einem Opfer gezwungen wird und in der es allerlei Ersatzbefriedigung gibt. Jeder gibt einen Teil seiner selbst auf, manche einen größeren, manche einen kleineren, um dazugehören zu können. Die meisten Menschen spüren diesen frühen Deal nicht oder bringen ihre Symptome und Krankheiten nicht damit in Verbindung. Sie merken nicht, dass etwas Wesen-tliches, also ihrem Wesen Entsprechendes fehlt, oder wollen sich das nicht eingestehen und führen viele rationale und emotionale Gründe an, warum das so war und ist, die den Zustand rechtfertigen oder erträglicher machen sollen. Andere spüren es und machen sich auf die bewusste oder unbewusste Suche danach. Auch hier sind die Wege verschieden. Einige suchen in sich selbst. Andere meinen es in anderen zu erkennen, z. B. in ihrer Art Beziehungen zu führen. Neid und Eifersucht sind die Folgen, unabhängig davon, ob die Objekte des Neids und der Eifersucht das Gesuchte tatsächlich haben oder nicht.

Das Ich-Selbst-Puzzle

"Du bist es wert, zusammengepuzzelt zu werden!" Diese Zeichnung stammt aus einem der Bücher (Brainstorm) von Daniel Siegel. Diese Metapher gefällt mir. Ich sehe mich als eine Art Gesamtbild, in dem einige Teile fehlen. Ich muss und will die fehlenden Puzzleteile suchen und wieder einfügen. Verwandt mit dieser Metapher sind die Bilder von einem zerbrochenen Spiegel oder einer zerbrochenen Vase, die man wieder zusammenklebt und bei der vielleicht, ähnlich wie bei Kintsugi, die "Makel" nicht versteckt werden sollen, sondern das Gesamtbild im Gegenteil aufwerten: Jede Erfahrung und jede Narbe gehören dazu! Aber auch hier brauche ich die Anbindung an die Quelle, an mein Selbst, damit ich überprüfen kann, wie das Gesamtbild aussieht. Das Gesamtbild war ja zu Beginn meines Lebens da. Das heißt, ich kann an diesen Punkt zurückkehren und die Information herauslesen, wie ich wirklich bin. Danach mache ich mich an die Arbeit, das entsprechend wiederherzustellen, natürlich als der Mensch mit all den Erfahrungen, der ich heute bin. Alles, was zu mir selbst nicht passt, wird entfernt und durch Eigenes ersetzt, das manchmal in anstrengenden Prozessen wiedergefunden werden muss.

Es gibt übrigens Fallstricke! Einige Puzzleteile sehen täuschend echt aus, sind aber Fakes! So leid es mir auch tut: Sie müssen raus! All die Mühe und all die Zeit, die man in das Herstellen einer originalgetreuen Kopie investiert hat.... Alles umsonst? Oder vielmehr ein Teil des eigenen Weges und auch eine gute Übung, Täuschungen zu erkennen? Aber Hand aufs Herz: Wer gibt sich schon mit einer Kopie, wenn auch einer sehr guten, zufrieden, wenn man das Original haben kann?

Noch ein weiterer Fallstrick: Nicht alles ist so, wie es scheint. Vielleicht hat Ihr Puzzle eine Rückseite? Oder der Rand ist noch gar nicht der Rand? Erforschen Sie es!

Wo wir gerade beim Erforschen sind...

Die verzerrten Rollen: Aschenputtel & die böse Stiefmutter

Eine Klientin von mir war am Punkt angelangt, sich ihren kindlichen Bedürfnissen zuwenden zu können. Kindliche Bedürfnisse hat auch jeder Erwachsene. Wir alle brauchen Liebe und Geborgenheit. In der Sitzung zuvor gelang es ihr, den Zugang zu diesem Bereich aus dem Körperlichen (Sie hatte Schmerzen im Körper.) in das psychische Bewusstsein (Ich brauche Liebe. Ich will (früher von Mama und Papa und heute von meinem erwachsenen Ich) die Bestätigung, dass ich liebenswürdig und okay bin.) zu überführen. Dabei fühlte sie zwischen ihrem erwachsenen Ich und dem kindlichen Selbst eine doppelte Sperre. Das kindliche Selbst war wie Aschenputtel zu Beginn des Märchens: ein Stiefkind, das auf vieles verzichten musste und sich fügte, in der Hoffnung, dass es irgendwann besser werden würde, wobei natürlich das Gegenteil eintrat. Das erwachsene Ich war wie die böse Stiefmutter, die Bedürftigkeit ablehnte und sogar bestrafte. Das alles verstand die Klientin, fühlte sich aber noch nicht imstande, sich ihrem inneren Kind zuzuwenden. Sie wurde von einer starken Angst erfasst: Alles, was sie sich aufgebaut hat, würde komplett wegbrechen. Das ganze Haus! Ich griff die Haus-Metapher auf und erstellte eine Zeichnung, auf die ich gleich detailliert zu sprechen komme. Die Klientin machte ich aber auf die Entwicklung im Märchen aufmerksam, da ihr selbst auch einfiel, dass Aschenputtel es doch aus eigener Kraft aus dieser Situation schaffte. Die gute Mutter von Aschenputtel war gestorben. So auch die (psychologische) gute Mutter all der erwachsenen Klienten. Entweder kannten sie sie nur wenig oder lebten von Anfang an wie ein Stief- oder sogar wie ein Waisenkind. Und nichts wird die gute Mutter zurückbringen, egal wie sehr man sich anstrengt, was für tolle Leistungen man erbringt oder wie sehr man hofft. Die Hoffnung, dass jemand kommt und einen sieht und einem das gibt, worauf man schon immer wartete, wird sich also nicht erfüllen. Auch wird man von niemandem aus diesem Gefängnis jemals befreit werden. Auch im Märchen nahm Aschenputtel es selbst in die Hand. Die Schuhe bekam sie übrigens direkt von der Quelle! Ihre verstorbene gute Mutter kehrte an die Quelle zurück und erschien als Baum (des Lebens, der Weisheit). Aus dieser ewigen Quelle nahm Aschenputtel also das, was ihres ist und was, logischerweise, auch niemand anderem passte. Sie musste zwar eine Zeit lang ein Doppelleben führen, bis sie mit ihrem Prinzen in ihr Reich (=eigener Autonomiebereich) umziehen durfte, aber das war es wert. Die Moral der Geschichte: Ohne Eigeninitiative, die Zusammenarbeit mit der Quelle und dem Eigenen wird es nichts. Fremde Schuhe tun weh; damit kommt man erst recht nicht weit. Die Hoffnung auf Rettung ist eine Illusion. Und nun zur Zeichnung.

Die Hütte bricht mir weg!

Diese Angst, die das in der Not erbaute Häuschen beschützen will, ist verständlich: Wenn man die Fakes und die Notlösungen alle abreißt, dann bricht ja die ganze Hütte weg und dann steht man vor dem Nichts. Diese bildhafte Vorstellung stellt gleichzeitig aber auch einen Schutz dar, der einem die Idee vermiest, den Schritt überhaupt zu riskieren. Schauen wir uns aber zuerst die Hütte bzw. das Haus genauer an.

Das Ich bewohnt einen Bereich, in dem es einen Zugang zum Wasser (Energie) hat. So bleibt es am Leben. Das Haus ist wahrscheinlich deutlich größer und hat viel mehr Zimmer, zu denen das Ich aber im Moment keinen Zugang hat. Früher im Leben hat es aus Sicherheitsgründen diese Zimmer zugesperrt und den Schlüssel dazu versteckt. Das Wasser, das aus dem Wasserhahn kommt, ist nicht komplett rein und kraftvoll. Ihm sind Giftstoffe beigemischt. Oder das Wasser kommt unregelmäßig, mit Unterbrechungen. Oder mal ein Schwall, mal ein Rinnsal. Oder es ist die ganze Zeit zu wenig. Dem Ich geht es damit so mittelmäßig bis irgendwann gar nicht gut. Es versucht etwas dagegen zu unternehmen. Am Grundproblem ändert sich aber nichts. Man kann das Wasser filtern, es umfärben, von wo anders (von jemand anders?) etwas Wasser stehlen oder eintauschen (s. Selbstwertspielchen, die wir alle spielen)... Man kann es sich dort richtig gemütlich machen, das Zimmer mit Gold verkleiden oder mit Geld oder Leckerlis vollpumpen – es bleibt ein Gefängnis. So richtig gut sind all diese Lösungen wirklich nicht. Also fasst das Ich den Entschluss doch der Klempner zu sein und zu schauen, was die Quelle einschränkt und / oder vergiftet. Dabei stellt es fest, dass sein ganzes Zimmer auf Stelzen steht. Wird es also an die Ursachen für das fehlende oder vergiftete Wasser gehen, wird sein ganzes Haus-Konstrukt einstürzen, denn es basiert auf Illusionen, alten Loyalitäten und Nicht-Wahrheiten / Lügen. Das weckt alte, traumabedingte und neue Gefühle von Ohnmacht, Hilflosigkeit, Überforderung, Schuld und Scham, Verlassenheit, Verwirrtheit, Sprachlosigkeit etc. Die Verbindung mit dem Selbst würde diese Gefühle (dem eigenen Tempo und Rhythmus entsprechend und nicht zauberstabmäßig) auflösen, aber das aktuelle Ich befürchtet, dass genau das Gegenteil eintreten wird und diese Gefühle überhandnehmen und schlimmstenfalls nie wieder weggehen werden. Das aktuelle Ich fürchtet sich vor seiner Vernichtung, das auch völlig zurecht, denn das Selbst / der Wesenskern ist an manchen oder vielen Stellen mit dem aktuellen Selbstbild, das der Mensch fälschlicherweise für seine Identität hält, nicht kompatibel.

Natürlich ist diese Darstellung schematisch und die Realität – je nach Ebene – deutlich komplexer oder viel simpler. Diese Darstellung ist zu Lehrzwecken gut, also eine reine Hilfestellung. Die eigene Lage kann nur über den Körper und die Symbolarbeit erforscht werden. Dafür muss der Kontakt zur Ebene unter den Illusionen und Stelzen hergestellt werden. Dazu hat sich auch die Klientin entschieden, nachdem ich ihr die Zeichnung präsentiert und erläutert hatte. Der Drang, sauberes Wasser zu trinken, verstärkte sich, so dass sie im Stande war, etwas Distanz zu ihrer Angst zu schaffen und sich den eigenen aktuellen Stand anzusehen. Ich schlug ihr also vor, sich den Status quo anzusehen und 2 Positionen zu nehmen: "Was mein Ich will" und "Was mein Selbst will". Ihr Selbst sagte klar und deutlich, sie solle sich um sich selbst kümmern. Das Ich zeigte sich in seiner kindlichen Prägung und wollte Schutz und Bindung. Der Klientin wurde klar, dass sie bislang die Bindung an der falschen Stelle suchte und die Hoffnung hatte, jemand würde kommen und zu ihr diese Bindung aufbauen. Jetzt stellte sie fest, dass sie selbst dran ist, diese Bindung (an die Quelle) herzustellen. Gleichzeitig wurde die Ebene der Loyalitäten, des Schutzes und der Angst aktiv: Die Klientin rückte von ihren Anteilen weg, lehnte an die Wand, versuchte dort Halt zu finden. Ich schlug ihr vor, zu erforschen, welche Loyalität im Moment am stärksten wirkt, so dass diese Einsicht ihr helfen könnte, weitere Schritte zu unternehmen. Sie willigte ein. Wie in vielen anderen Familien war es auch in ihrer Familie verboten, die Anbindung an die Quelle zu suchen. Um zur Familie dazuzugehören musste man auf die Anbindung zur Quelle verzichten. Diese Einsicht ermöglichte ihr eine neue Entscheidung, so dass sie ihre ersten Schritte der Wiederanbindung an sich selbst unternahm. Erfüllt von der neuen Möglichkeit, die sich ihr eröffnete, ging sie nach Hause. Die Hoffnung, doch noch das, was so sehr fehlte, zu bekommen, wurde wieder aktiv, diesmal aber in Bezug auf etwas, was die Hoffnung tatsächlich erfüllen wird. Wahrscheinlich wird es aber nicht so schnell gehen oder der Weg doch etwas steiniger, denn er wird Verzicht (z. B. auf alte Sicherheiten in Familien-Glaubenssätzen und -Loyalitäten) und damit auch Abschied und Trauer notwendig machen. Wer aber durch diese Prozesse nicht gegangen ist, wird auch nicht das reine Wasser trinken und die Erfahrung machen können, dass es zwar sehr unangenehm und schmerzhaft ist, wenn die Hütte einstürzt, gleichzeitig aber unglaublich befreiend. Das eigene Haus landet dann mit der Zeit auf einem sicheren Fundament. Also, weg mit den Krücken!

Ich. Will. Zur. Quelle. SOFORT! 

Einige meiner Klienten wollen sofort zur Quelle. Sie haben keine Ängste und sagen, dass das das ist, wonach sie schon immer gesucht haben. Nach 1-2 Prozessen ist die grundlegende Anbindung dann auch schon da. Aber: Auf sie warten einige Herausforderungen zu einem späteren Zeitpunkt, denn die Anbindung ist für sie der erste Schritt von vielen. Sie werden wahrscheinlich eingeladen, sich nicht nur mit der Quelle zu verbinden, sondern sie zu erkunden, um die Funktionsweisen des Universums zu ergründen. Das wiederum gibt ihnen neue Möglichkeiten des Seins in der Welt, aber auch des Handelns. Das ist in erster Linie für Menschen mit einem Heilauftrag bestimmt und ist in der ursprünglichen Bedeutung des Wortes esoterisch, also etwas für den inneren Kreis.

 

Fragen zum Nachforschen und Ergründen

  • Wie gut bin ich mit meinem Selbst und mit der Quelle verbunden?
  • Welche Qualität hat das Wasser, das ich trinke? Ist es klar und rein? Oder sind da Giftstoffe drin? Ist der Druck in der Leitung gut oder kommt nur ein Rinnsal heraus? Oder gibt es sogar Unterbrechungen in der Versorgung und dann muss ich Durst leiden?
  • Was unternehme ich, um die Qualität und die Quantität des Wassers zu verbessern? Sind meine Strategien langfristig tragfähig oder verschaffen sie nur eine kurze Erleichterung, die neue Probleme mit sich bringt?
  • Zu wie viel Prozent (intuitiv geschätzt) entspreche ich wirklich mir selbst? Hinweis: Alleine das wahrheitsgemäße Beantworten dieser Frage wird Ihre Selbstverbindung verbessern. Taucht nach der Antwort Scham auf, verdrängen Sie sie nicht, sondern heißen Sie sie willkommen. Die Schamwelle wird ihren Höhepunkt erreichen und dann wieder abebben. Auch das wird Ihre Selbstverbindung verbessern.
  • Kenne ich auch diese Angst, dass mir "die Hütte komplett wegbricht", wenn ich mich dem Selbst-Findungsprozess stellen würde? Ist die Angst noch stärker als der Ruf der Selbst-Findung? Was braucht es, um die Angst zu überwinden?
  • An welches Märchen muss ich spontan denken, wenn ich an mein Leben denke? Wenn ich ein Märchen als eine Hilfestellung zur Bewältigung des eigenen Weges begreife, was sind meine nächsten Schritte laut diesem Märchen? (Tipp: Die Charaktere des Märchens werden als Anteile der eigenen Psyche interpretiert.)
  • Habe ich einen Heil-Auftrag in dieser Welt? Bin ich berufen, die Quelle und ihre Grundprinzipien weiter zu erforschen und dieses Wissen weiter in die Welt zu tragen?

 

Songempfehlung: DARK TRANQUILLITY - Atoma. Wer Metal / Grawls nicht mag, kann sich auch eine Klavier-Version davon anhören. Die Wirkung und die Botschaft bleiben erhalten: "I will not play along, the things i find unfair // I will not mount defenses against unjust attacks // This land was never given // we built this on our own // insanity dependent whether we rise or fall // whether we rise or we fall // one for the night // one for the uncontrolled // hold your feet to the ground // to the end of our time // for the rest of our lives // hold your head up high // to the end of our time //for the rest of our lives"

 

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Bildnachweis:
Bild "Flügel" - Quelle unbekannt
Zeichnung aus dem Buch Brainstorm von Daniel Siegel
Bild von Tscharlie / Pixabay
Bild von Tommyvideo / Pixabay

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